Web 2.0 und Verantwortung: Geheimnisse nicht vorgesehen
Am Mittwoch 1 Juli 2009 von ThomasEinzelschicksal vs. Informations-Freiheit: Zugunsten eines entführten US-Journalisten hatte die Internet-Enzyklopädie Wikipedia Artikel zu seiner Person zurückgehalten. Das rettete dem Mann vielleicht das Leben. Sicher ist, dass der Fall die Wikipedia-Gemeinde spaltet.
Zensur, Redaktion, Lenkung – das sind Instrumente, die dem Wikipedia-Gedanken widersprechen. Jeder darf Artikel anlegen und Beiträge anderer Autoren verändern. Bei Unklarheiten werden die Fakten demokratisch diskutiert – meistens.
Wikipedia-Gründer zensierte mit
Doch jetzt hat die New York Times (NYT) zugunsten eines ihrer Reporter eine beispiellose Veröffentlichungs-Sperre erwirkt. Nicht über eine gerichtliche Verfügung, sondern über einen Pakt mit anderen Zeitungen und auch mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales.
Wales ließ sich überzeugen, dass es für den von Taliban entführten Journalisten David Rohde besser sei, wenn sein Fall nicht in der breiten Öffentlichkeit bekannt würde. Die NYT wollte verhindern, dass die Entführer den Eindruck gewännen, sie hätten einen Prominenten erwischt.
Das hätte einerseits die etwaigen Lösegeldforderungen in die Höhe getrieben. Und andererseits hätten die Taliban den Fall öffentlichkeitswirksam ausschlachten können – beispielsweise mit Videos.
Sieben Monate keine Wahrheit
Und so kam es, dass der entführte David Rohde sieben Monate in der Gewalt seiner Entführer blieb, ohne dass es nennenswerte Meldungen zu seinem Schicksal gab. Das heißt, die Meldungen und Artikel gab es schon, sie erschienen nur nicht oder wurden geschönt. Jetzt ist Rhode wieder frei. Die Artikel über ihn können also auch wieder der Wahrheit angeglichen werden.
Beispielsweise hatte man Artikel über Rhodes, der in der Szene übrigens dank seiner beiden Pulitzer-Preise doch ein Promi ist, ein wenig auf Taliban getrimmt. Einerseits wurde beispielsweise ausradiert, dass Rhodes einst für den Christian Science Monitor gearbeitet hatte. Und auch seine Preise blieben aus der Erinnerung Wikipedias gelöscht.
Prinzipien-Bruch oder reife Leistung?
Der Fall Rhodes spaltet die Internet-Nation. Reife Leistung, so die Einen. Bruch mit den Prinzipien Wikipedia-Community, die Anderen.
Blogger Stan Schroeder kommentiert hier auf Mashable.com, dass der Fall ein Grundproblem der Wiki-Kultur aufzeige: Wie hält man etwas geheim in einer Welt, in der Geheimnisse absolut nicht vorgesehen sind?
Es sei zwar richtig gewesen, das Leben des Menschen über das Recht auf Informationsfreiheit zu stellen. Aber was macht man mit den Grauzonen, die der Fall eröffnet?
Schlagworte: Ethik, Journalismus, nachhaltige Kommunikation, Wikipedia
Kommentieren ist momentan nicht möglich.
