Guter Stil

Die Kunst, für Erwachsene zu schreiben

Am Sonntag 2 August 2009 von Thomas

Was für Erwachsene gut ist, darf für Kinder nicht schlecht sein

Was für Erwachsene gut ist, darf für Kinder nicht schlecht sein

Ein Interview mit Buchautorin Kristin Boie über die Kunst, für Kinder zu schreiben, hat Textberater.com zu einer Spiegelung der Thesen inspiriert. Kurz: Man sollte auch bei altersmäßig verschiedenen Zielgruppen lieber die gleichen Lektionen beherzigen.


Kristin Boie erklärt hier in der Tageszeitung Die Welt, warum Kinder- auch immer Erwachsenenliteratur sein muss. „Wenn ein Kinderbuch Erwachsene nur langweilt, dann deutet das darauf hin, dass der Autor beim Schreiben vielleicht seine Leser nicht wirklich ernst genommen hat.“

Und jetzt das Zitat gespiegelt und nur für Erwachsene: Wenn ein Fachartikel für Kinder unverständlich ist, dann deutet das darauf hin, dass der Autor beim Schreiben vielleicht seine Leser nicht wirklich ernst genommen hat.

Lektion 1: Erwachsenen-Texte müssen auch für 7-Jährige verständlich sein

Journalisten kennen das: In jeder Jobanzeige der schreibenden Zunft steht mindestens einmal, dass Kandidaten „komplexe Sachverhalte verständlich darstellen“ können müssen. Eine Floskel? Natürlich. Aber es stecken gleich zwei Erkenntnisse darin.

Erstens sieht man an solchen Formulierungen, dass auch Personal-Abteilungen in der jetzt-schreiben-wir-extra-intelligent-Falle stecken. Warum sind „komplexe Sachverhalte“ nicht einfach kompliziert?

Das Komplexe hat nämlich zweitens mit Verständlichkeit nichts zu tun. Komplexe Themen sind große Themen und deuten eher auf lange als auf kurze Texte hin. Komplizierte Themen sind eigentlich diejenigen, um die es geht. Finanzen, Wirtschaft, Politik, Technik – meist Fach-Kauderwelsch, das es in die moderne Hochsprache zu übersetzen gilt.

Lektion 2: Nütze UND unterhalte

Kristin Boie gibt unbewusst einen tollen Tipp für gelungene Text in einer Anekdote über ihr erstes Erlebnis mit einem Buch von Erich Kästner. Auf einer Buchmesse ließ die damals 9-Jährige Boie ihre Eltern knallhart warten. Grund: Sie war gefesselt von der Lektüre von Das doppelte Lottchen.

Die Erkenntnis: Natürlich sind Fachartikel in der Wirtschaft und für Unternehmen unerlässlich. Aber, und das wird Ihnen auch Schreib-Papst Wolf Schneider bestätigen: Mit dem Abschluss der Schule entfliehen die Menschen auch dem Lese-Zwang. Das heißt, ohne die entsprechende Klassenarbeit über Goethes Faust würden nur Lese-Masochisten das Buch durchackern.

Für Kinderbücher wie für Fachartikel gilt: Dröge Aneinanderreihungen von Geschehnissen oder Informationen sind weder fesselnd noch nützlich, weil kein Mensch solche Texte liest. Tipp: Entwickeln Sie Geschichten, präsentieren Sie Protagonisten (echte Menschen mit echten Zitaten), würzen Sie Texte mit (witzigen) Anekdoten, erzeugen Sie Spannung mit eingestreuten Konflikten. Letzteres unterliegt in Unternehmens-Publikationen einem unausgesprochenem Verbot – erlauben Sie es sich einfach.

Lektion 3: Auch Leser lieben das Schöne

Deutschland – Land der Dichter und Denker – stimmt, kann man aber konkretisieren. Tief in unseren Herzen sind wir geprägt von den Geschichten der Romantiker. Wir lieben Hollywood für seine Happy Endings und verbannen tragische Fernsehproduktionen aus eigenen Landen auf Sendeplätze der Öffentlich-Rechtlichen.

Überlegen Sie, welchen kritischen Tiefpunkt Sie in einem Fachartikel präsentieren können, um ihre Lösung das nötige „Happy“ zu verleihen. Wenn Boie den Reiz beschreibt, Kästners Das doppelte Lottchen zu lesen, verwendet sie Worte wie Utopie und Menschheitswunsch.

Ganz so wirkungsvoll wie im Kino oder der Literatur muss es nicht sein. Aber ein kleine Utopie ist schnell entworfen. Tipp: Schreiben Sie einfach ein zwei Absätze darüber, welche Probleme es gibt. Das verleiht Ihrem Lösungsangebot Relevanz.

Lektion 4: Kenne deinen Leser

Auf die Frage, was das Geheimnis eines guten Kinderbuch-Autors ist, antwortet Boie: „Wenn ich das wüsste! Ganz sicher muss man sich noch gut an die eigene Kindheit erinnern können, vor allem daran, wie ein Kind sich in verschiedenen Situationen fühlt. Ich denke, es kann aber auch nicht schaden, etwas über das Alltagsleben heutiger Kinder zu wissen.“

Einmal die Antwort nur für Erwachsene: „Wenn ich das wüsste! Ganz sicher muss man sich noch gut an die eigenen Fragen erinnern können, vor allem daran, wie man sich vor der Lösung eines Problems fühlte. Ich denke, es kann aber auch nicht schaden, etwas über das Alltagsleben heutiger Leser zu wissen.“

Tipp: Fragen Sie Menschen aus Ihrem Umfeld, was Ihre Botschaft für deren Situationen und Fragestellungen beinhaltet. Gibt es Fragen, auf die Sie gar nicht alleine gekommen wären? Können Sie Emotionen ansprechen, an die man sich als Erwachsener leider nur schwer erinnert?

Lektion 5: Hol Kritik ein

Boie: „Wenn Sie Kinder danach fragen, wie ein gutes Buch beschaffen sein sollte, sagen sie fast immer: “Lustig oder spannend” (am Besten beides).“

Lassen Sie Ihre Artikel unter bestimmten Fragestellungen gegenlesen. Ist der Inhalt das, was erwartet wird? Ob Ihre Zielgruppe auch so ehrlich sagen würde, sie wolle lustige und spannende Texte, sei mal dahingestellt. Also unser Tipp: Knallhart solche Kriterien den Lesern einfach aufdrängen und gegebenenfalls nachfragen.

Lektion 6: Mach dein Ding

Natürlich müssen Sie sich anschauen, was die Konkurrenz schreibt und wie sie ihre Botschaften präsentiert. Aber Sie können sich darauf verlassen: Um eine persönliche Note in Ihrem Text werden Sie auch die hartnäckigsten Unkenrufer beneiden – siehe Boies Vergleich mit der Literatur-Kritik.

„Komischerweise gilt Humor in der Literaturkritik aber oft gerade als Gegenbeweis gegen literarische Qualität. Was leicht und fröhlich daher kommt – auch im Kinderbuch – kann nicht wirklich anspruchsvoll sein. Ein Glück, dass Kästner sich darum nicht geschert hat.“

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