Medienkultur

Hyperregionale Blogs unter der Lupe

Am Montag 10 Januar 2011 von Thomas

Hyperregionale Blogs sind zwar im engeren Sinne keine Blogs, aber sie sprießen überall aus dem fruchtbaren Internet-Boden. Textberater.com hat sich umgeschaut: Fakten, Aussichten, Überlegungen.

Fakten:

  • Hyperlokal, sublokal, local based – so oder so ähnlich nennen sich Webseiten, die lokale Themen bloggen. Das Konzept kommt wie immer aus den USA und wird hie und da schon mal als ein Medientrend für 2011 bezeichnet.
  • Als Vorreiter der Branche gilt das US-Projekt Everyblock, das mittlerweile in zahlreichen Städten die Themenlandschaft von Wohnungsanzeigen bis Pressemitteilungen beackert und bereits 2007 startete. Unterschiede zu den deutschen Lokal-Blogs sind jedoch zahlreich: Einerseits generiert Everyblock seine Inhalte aus Beiträgen der Nutzer und wird nicht wie hierzulande von Redakteuren gefüllt. Und auch die Inhalte ähneln dem Angebot von Meinestadt.de mehr als der von klassischen Blog-Beiträgen oder Nachrichten.
  • Besonders in mittleren bis großen Städten sprießen die Webseiten, so gesehen in Berlin Prenzlauer Berg, Jena, Regensburg und anderen.
  • Thematisch fokussieren die hyperregionalen Blogs logischer Weise auf lokale Themen. Bei der inhaltlichen Ausrichtung ist die Bandbreite hingegen groß – vom linken Politik-Kritiker bis zum neutralen Nachrichtenticker ist da alles dabei. Und auch der Schwerpunkt auf Handy-Bilder-Uploads vom Wetter vor der Haustür scheint vereinzelt als redaktionelle Ausrichtung zu genügen.
  • Der laut Alexa messbare Besucherstrom auf den Webseiten liegt schätzungsweise im 4stelligen Bereich. Heißt: Die Seiten mit mehr als 10.000 Besuchern monatlich sind rar. Für klassische Blogs wären Zahlen jenseits der 10.000 Besucher allerdings schon ein mittellauter Knaller.
  • Aber: Im Unterschied zu den klassischen Blogs unterstellen sich die Betreiber der Lokal-Seiten ein Geschäftsmodell. Vor allem lokale Unternehmen kämen beispielsweise den Prenzlauer-Berg-Bloggern als Werbekunden in den Sinn. Und die Schreiber-Kollegen aus dem thüringischen Jena haben gar einen Anzeigenverkäufer im Team.

Aussichten:

  • Jetzt mach ich mal eine Webseite. Und wenn ich genug Besucher habe, schalte ich einfach Werbung. So oder so ähnlich haben sich das schon viele Web-Publisher vorgestellt. Aber selbst reichweitenstarke Online-Medien arbeiten defizitär. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.
  • Die Lücke im lokalen Journalismus gibt es nur, wenn man es mit der Journalismus-Definition ganz genau nimmt. Das Informationsangebot mit lokalem oder wenigstens persönlichem Bezug wird von vergleichsweise vielen Medien abgedeckt – online, Print und im TV. Und auch wenn die meisten Amtsblätter vielleicht nicht zu den attraktivsten Wochenmagazinen Deutschlands gezählt werden; sie teilen sich den lokalen Anzeigenmarkt erfolgreich mit den Tageszeitungen. Und alles, was der Leser zum lustigen Zeitvertreib braucht, findet er auf den Facebooks, twitters und sogar Xings dieser Welt.
  • Wenn schon die Vertriebs-Aussichten düster scheinen, müssten die deutschen Lokalblogs anderweitig Kapital aufbauen – sprich Markenwert. Aber das wird in der jetzigen Konstellation ebenfalls eng. Eine Dachmarke mit lokalen Unterseiten hätte hingegen mehr Potenzial – siehe buzzriders. Allerdings blieb es auch da bislang weitgehend bei der coolen Idee eines Bloggers der ersten Stunde.

Überlegungen

  • Wenn es sich verkaufen soll, dann muss man es ausdrucken. Diese einfache Regel gilt leider noch für so ziemlich alles, was mit Journalismus zu tun hat. Und jener Regel folgen die bereits in kleinen Städten agierenden Veranstaltungs-Magazine.
  • Wenn es sich im Internet verkaufen soll, dann muss man die Nutzer binden. Jener Regel folgen beispielsweise alle möglichen Preisvergleichs-, Couponing-, Shoppingclub- und klassische E-Commerce-Konzepte.
  • Kommt kein Geld rein, wird es dünn. Diese Regel erklärt so ziemlich jeden Werdegang eines Blogs. Heißt: Eine handvoll Fans, eine kleine Gastautoren-Familie, jede Menge wild über Google aufschlagende Leser-Nomaden, der Spaß an der Freude – und man ist zufrieden. Oder, wie es ein Web-Venture-Capitalist einst sagte: „Vergiss bei aller Hingabe nicht: Es gibt auch einen Arbeitsmarkt.“
  • Wenn man in Deutschland Medien machen will, sollte man nur bedingt in den USA abgucken. Auch wenn viele Internet-Geschäftsmodell erfolgreich hierzulande nachgebaut wurden; die Medienlandschaft im speziellen ist eine ganz andere. Dafür haben die Alliierten nach dem zweiten Weltkrieg gesorgt. Es gibt kein Land auf der Welt, in dem die Publikationsdichte redaktioneller Inhalte vergleichsweise hoch ist.
  • Wenn sich ein neues Medium etablieren will, muss ein Buzz her: Die große Story, die sonst keiner hat. Die unglaubliche Enthüllung. Das absolute Themen-Zugpferd. Und wenn man einen Buzz hat, sollte der nächste schon in der Schublade stecken.

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