Dummy returns
Neidischer Schreiber über das Leid des Lesers
Am Sonntag 24 Januar 2010 von ThomasHat es das wöchentlich erscheinende ZEIT-Magazin geschafft, Werbekunden mit passenden Geschichten zu binden? Wir wissen es nicht. Jedenfalls scheint es das schlauer Weise zu versuchen. Prompt verreißt der selbsternannte Blattkritiker der Nation und Dummy-Macher OIiver Gehrs das Heft.
Gehrs hat eine neue Serie gestartet. In “Leid des Lesers” nimmt sich der Journalist jeden Freitag ein Heft vor – nach eigenen Aussagen “bündig, informativ und kämpferisch”.
Das Zeitmagazin macht den Anfang, ein laut Gehrs „unfassbar schamlos an die Werbetreibenden ranwanzendes Lifestyle-Produkt”.
Geld von Ebay?
Belege gibt’s natürlich: Das Cover zum Beispiel. Da sieht der geneigte Leser “nicht eins, sondern gleich vier Mode-Cover…“. Wobei der publizistische Coup darin bestehe, dass immer dasselbe Model posiert, fotografiert von vier verschiedenen Fotografen.
Weiter heißt es hier im Dummyblog: „Runtergezählt werden die Cover ‘3,2,1, Meins’ – vielleicht bekommt man neben den Anzeigen für Modelabel auch noch Geld von ebay.”
Klingt erstmal kämpferisch. Insofern hat Gehrs sein Motto umgesetzt. Bliebe nur noch die Frage, warum das sich „Ranwanzen“ an seine Werbekunden so böse, böse, böse sein soll?
Die Antwort kennen wir auch nicht. Aber wir kennen die Mutterzeitschrift des von Gehrs verrissenen Magazins, Die Zeit. In der gibt’s die harten Geschichten und ausführlichen Hintergründe.
Aber was, wenn’s den Leser doch interessiert?
Da könnte doch so eine eher mit netten Bildern als aufklärerischen Themen aufgemachte Beilage durchaus als sinnvolle Ergänzung durchgehen. Aber diese Frage lassen wir mal außen vor.
Der harte Kern kommt jetzt: Werbekunden umschmeicheln, das nicht nachgewiesene Motiv hinter den Zeit-Magazin-Stories, wäre in Zeiten der Werbeeinbrüche gar keine schlechte Strategie.
Seit Jahrzehnten überleben in Deutschland tausende Magazine, die genau das machen. Die Überraschung: Die Leser interessiert’s, was es neues aus der Welt des käuflich zu Erwerbenden gibt.
Ein Blick in die Kommentare zur ersten Gehrsschen Blattkritik enthüllt ein durchaus heterogenes Bild. Gehrs-Befürworter – aber auch sowas:
Magazine habens eben schwer. Siehe SZ. Als Leser kann ich die Heftle ja einfach links abprallen lassen (so schade das auch ist)…
Trotzdem: Gehrs lesen schadet nichts. Und wer etwas über Online-Publishing lernen will, der kann sich dort folgende Lektion abholen: Profil zeigen damit polarisieren sorgt für Diskussionsstoff.
Mehr zum Thema:
Niiu: Die erste Zeitung mit Targeting-Potenzial
Ideen zur Rettung des Journalismus
Schlagworte: Analyse, Ethik, Guter Stil, Schleichwerbung
Kommentieren ist momentan nicht möglich.
