Bürger gegen Investor

PR-Schlacht um Schwimmbad Hechingen

Am Sonntag 13 September 2009 von Thomas

Schwimmen statt bezahlen: PR-Schlacht in Hechingen (Quelle: HZ Hechingen)

Schwimmen statt bezahlen: PR-Schlacht in Hechingen (Quelle: HZ Hechingen)

Hechingen, das liegt laut Google Maps zwischen Mössingen und Balingen gut 60 Kilometer südlich von Stuttgart. Dort kämpft eine Bürgerinitiative gegen die Privatisierung des Stadtbades durch einen Investor – und zieht dabei fast alle PR-Register. Eine Geschichte von David gegen Goliath.

„Hechingen mit seinen acht Stadtteilen Bechtoldsweiler, Beuren, Boll, Schlatt, Sickingen, Stein, Stetten und Weilheim liegt am Westrand der Schwäbischen Alb. Mit rund 19.500 Einwohnern ist die drittgrößte Stadt im Zollernalbkreis als Mittelzentrum ausgewiesen“, so die beschauliche Beschreibung der Stadt über sich selbst.

Gar nicht beschaulich geht es dort in Sachen PR zu. Das städtische Schwimmbad sollte per Gemeinderats-Beschluss privatisiert werden. Ein Investor präsentierte ein Finanzierungs-Modell. Seither tobt zwischen ihm und einer Bürgerinitiative eine PR-Schlacht.

Die Kontrahenten:
Die Firma s.a.b. mit Sitz in Friedrichshafen, Goliath, ist ein auf Puplic Private Partnership (PPP) spezialisierter Investor, der beispielsweise das neue Schwimmbad in Siegburg realisierte, aber offenbar auch schon das eine oder andere Projekt in den Sand setzte.

David, das ist die Kern-Mannschaft um einen Bürgerentscheid gegen das Projekt. 4.429 Bürger unterschrieben die Petition gegen den Stadtratsbeschluss vom 17. Juni 2009. Anlass für die Initiative, ihre Erfolge ebenfalls auf einer Webseite zu präsentieren.

Die Hechinger haben eindrucksvoll bestätigt:

* Hechingen braucht im Hallen-Freibad kein neues Fitness-Center.

* Hechingen braucht kein Coaching-Center!

* Hechingen darf sich nicht mit einem 30- Jahre- Vertrag an einen Investor binden.

* Hechingen darf nicht mit Millionen für einen Investor bürgen!

* Hechingen braucht weiterhin sein freundliches Familienbad!

* Hechingen will ein Bad in Bürgerhand!

* Hechinger, geht am 18. Oktober zur Abstimmung!

* Hechinger, antwortet auf die Frage: Sind Sie gegen den Beschluss des Gemeinderates vom 17. Juni 2009?

Gewaltige Informations-Flut und eine knackige Botschaft

Die von der Bürgerinitiative aufgezählten Fakten sind im wesentlichen ein Rechenspiel. Das Ergebnis:

Bei PPP muss die Stadt aber jedes Jahr und 30 Jahre lang 993.000,- € an den Investor zahlen und das mit steigender Tendenz! Die geplanten Einnahmen von Hallen- Freibad, Sauna und Fitnesscenter der s.a.b. im Jahr

2011 über 1.242 000,- €

2012 über 1.660.000,- €

bedeuten, dass von den 20.000 Einwohnern Hechingens im Jahre 2011 jeder Einwohner 62 € Eintrittsgeld zahlen müsste, im Jahr 2012 sogar 83 €. Darüber hinaus steigt die Pro-Kopf Verschuldung der Hechinger Bürger um weitere 695,50 €.

Das zieht: Knapp eine Million Euro jährlich an einen Investor. Stimmt die Rechnung, würden sich die Eintrittspreise verdoppeln. Eine schönere Nachricht könnte sich ein David im Kampf gegen einen Goliath nicht wünschen.

Joker: Überregionale Medienpräsenz

Und so meldet der Schwarzwälder Bote: PR-Schlacht läuft an. Mit Webseiten und Lobbyarbeit, Infobroschüren und Veranstaltungen seien die Kontrahenten in den Ring gestiegen.

Das Ergebnis des Spiels ist noch offen. Der Bürgerinitiative fehlt nämlich der entscheidende Stein, mit dem sie Goliath zu Fall brächte: Überregionale Aufmerksamkeit. Aber die kommt vielleicht noch; bis zum Entscheid am 18. Oktober ist ja noch Zeit.

Und die Geschichte gibt alles her, was so ein Spiegel-Artikel oder eine Story im Fokus braucht: Klare Fronten, Menschen, Gesichter, tolle Landschaftsaufnahmen und sogar einen wehrlosen Streitschlichter, der am liebsten präsidiale Statements abgibt wie „Wir müssen die Kräfte bündeln“.

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1 Kommentar zu “PR-Schlacht um Schwimmbad Hechingen”

  1. Mario sagt:

    sehr schöne (wahre) Geschichte … darüber ist in Blogs komischerweise nicht viel zu lesen, wäre doch der ideale Ort zur Verbreitung