Interview
Psychologe: “Die Blogger werden zahmer”
Am Freitag 4 September 2009 von Thomas
Wenn sich Sportartikel-Hersteller JAKO über einen Blogbeitrag ärgert, in dem es laut Unternehmen mit Fäkalsprache zur Sache ging, dann kann man das schon verstehen, genauso wie die andere Seite: Hunderte Blogger reagieren binnen Stunden mit aggressiven Beiträgen auf die Abmahnung für einen Kollegen. Psychologe Rainer Schneider erklärt die Logik der Internet-Hektik und sagt im Interview mit Textberater.com: Die Blog-Kultur wird sich verändern.
Herr Schneider, wieso überschlagen sich die Blog-Beiträge zu einem Thema wie JAKO?
In der primären Reaktion auf die Meldung, dass beispielsweise ein Blogger verklagt wurde, reagiert man immer emotional. Und das erzeugt Stress. Den, so hat man das Gefühl, baut man am besten mit Aktionismus ab.
Erst die Sekundär-Reaktion ist rational. Wenn ich beispielsweise vor einem Problem stehe, mit dem ich nicht täglich zu tun habe, sollte ich rational entscheiden und nichts überstürzen.
Fördert das Internet emotionale Reaktionen?
Das hängt von der Veranlagung des jeweiligen Nutzers ab. In Sachen Selbstregulation unterscheidet man den Typ Handlungsorientierter und den Typ Lageorientierter.
In Stresssituationen reagieren Handlungsorientierte meist ganz gut. Sie packen Probleme an und finden Lösungen.
Lageorientierte sind gelähmt von der Situation. Solche Menschen reagieren in Stresssituationen meist falsch. Im E-Commerce oder als Online-Publizist muss man schnelle Entscheidungen treffen. In so einem Job wäre ein lageorientierter Mensch falsch.
An der Börse verstärkt sich das Problem für lageorientierte Typen. Jede neue Lage bringt diese Menschen aus der Ruhe.
Verändert der schnelle Informations-Fluss im Web die Wahrnehmung der Lage?
Die Frage ist, wie filtere ich zum Beispiel negative Reize? Bleibt man also cool, entscheidet man besser. Hat man dagegen das Gefühl, es geht alles den Bach runter, entscheidet man aus einer verzweifelten Situation heraus und damit wahrscheinlich falsch.
Was für Persönlichkeiten sind Blogger?
Blogger oder auch Viel-Twitterer sind tendenziell extravertiert und suchen Anerkennung. Sie wollen im Mittelpunkt stehen und brauchen Bestätigung.
Sind Blogger überdurchschnittlich aggressiv?
Nicht notwendiger Weise.
Aber 200 Blogbeiträge in 12 Stunden…
Das Internet ist anonym und man agiert in so einem Medium ganz anders als in einer Face to Face Situation. Das senkt die Hemmschwellen, besonders wenn man unter Pseudonymen kommentiert.
Und auch wenn man weiß, dass Nachrichten nur für kurze Zeit relevant sind, sinken die Hemmungen noch mal.
Würde Trainer Baade vier Wochen nach seiner Lästerei über das neue JAKO-Logo sagen, das war zu viel?
Das hängt von der Situation ab. In einer Studie wurde untersucht, wie beispielsweise Unternehmen mit brisante Informationen umgehen. In einem Beispiel hatte ein Unternehmens-Mitarbeiter pornographische Bilder auf seinen Rechner geladen. Jetzt ist die Frage, wie reagieren die Gruppen innerhalb des Unternehmens darauf.
A. Geht man auf Konfrontation und bringt die Sache zur Klärung? Das bringt den anderen in Zugzwang.
B. Hält man die Info im eigenen kleinen Kreis? Das kann produktiv sein , wenn die eigene Gruppe dadurch an Selbstwert gewinnt und sich moralisch von der ranghöheren Gruppe abheben kann.
Der Ranghöhere würde immer auf Konfrontation gehen, weil das den Abstand zur rangniederen Gruppe vergrößert.
Nehmen wir mal an, die Blogger gehören der rangniederen Gruppe an, weil sie ja über andere berichten. Und Spreeblick wird verklagt von einem „ranghöheren“ Unternehmen: Was passiert da psychologisch?
Das ist ja keine prekäre Situation im psychologischen Sinne. Da spielen auch rechtliche Fragen eine Rolle. Aber die Reaktionen können von Ignoranz bis Attacke reichen.
Knickt der Blogger tendenziell ein?
Ist der Blogger allein oder stützt ihn eine Gruppe? Ist er bekannt oder macht er ein Geheimnis aus seiner Person?
Angenommen, unser Blogger ist bekannt und hat richtig viele Freunde?
Dann hat er eine Community. Aber hat er auch ein Team, das ihn unterstützt? Er wird virtuellen Support bekommen. Aber nur weil Leute einem zustimmen, hilft das zum Beispiel noch nicht aus einer rechtlichen Problem-Situation.
Psychohygienisch hilft so eine Community allemal. Das kann den Blogger in seinem Tun stützen. Das hängt aber auch wieder von der Persönlichkeit ab.
Zwingt Recht zur Rationalität?
In den USA wird jeder wegen Allem verklagt. Das hat mit Rationalität nichts zu tun. Auch wenn oft finanzielle Interessen im Hintergrund stehen.
In Deutschland haben wir eine andere Streitkultur. Eine Klage ist schon noch etwas Besonderes, die einer Auseinandersetzung eine ganz andere Qualität gibt.
Durch die Klage wird oft erst klar, welche Konsequenzen das eigene Tun haben kann.
Werden die Blogger gezähmt?
Ich denke ja. Wenn Internet-Publizisten klar wird, mit welchen Konsequenzen sie im Ernstfall zu rechnen haben, werden sie tendenziell rationaler entscheiden und zum Beispiel auf aggressive Schimpf-Attacken in ihren Beiträgen verzichten.
Die Blog-Kultur wird sich verändern: Gestritten wird künftig auf Ebenen, die sozial verträglicher sind.
Zur Person:
Dr. Rainer Schneider arbeitet seit mehr als zehn Jahren zu Themen wie Selbstregulation, Motivation oder Persönlichkeit und erforscht zum Beispiel Therapie- und Placebo-Effekte.
http://www.xing.com/profile/Rainer_Schneider15
Schlagworte: Blog, Foren, Internet-Recht, Social Media, Web 2.0
Dieser Beitrag wurde am Freitag 4 September 2009 um 10:55 Uhr von Thomas veröffentlicht und unter News gespeichert. Sie können Kommentare zu diesem Eintrag über den RSS 2.0-Feed verfolgen. Momentan ist weder das Kommentieren noch das Setzen eines Trackbacks möglich.
3 Kommentare zu “Psychologe: “Die Blogger werden zahmer””
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Florian Weiss sagt:
Interessanter Beitrag. Ich finde es gut und vor allem auch wichtig, dass Experten EInschätzungen vornehmen, die das komplexe Verhalten im Netzt beleuchten.
Ich würde mir wünschen, wenn Textberater.de öfter solche Beiträge liefern könnte.
Es wird ja leider viel zu viel über Leute berichtet, die eigentlich keine wirkliche Expertenmeinug haben.
DANKE!
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[...] nicht besonders gefährdet sind. (4 Kommentare) Und der Psychologe Dr. Rainer Schneider, der einen Wandel der Diskussionskultur im Web [...]


Ja, finde ich auch. Was Dr. Schneider sagt, finde ich sehr spannend. Vielleicht könnte er zu anderen Themen auch eine SIcht der Wissenschaft liefern? (Mir fällt da Einiges ein (Internetzensur, Computerspiele, Twitter-(Un)Sinn und und und).
Finde das klasse, das Textberater Expertenmeinungen einholt!
Julia