Schreiben für Masochisten: Todsünden in der taz

Am Mittwoch 1 Juli 2009 von Thomas

Die sonst durchaus mit Wortwitz brillierende Tageszeitung taz hat – auch noch zum Thema hohe Literatur – stilistisch voll daneben gelangt. Die sieben Todsünden des Schreibens, gefunden in einem Artikel über den Bachmann Literaturpreis.

Verschachtelte Sätze so weit das Auge reicht, Bleiwüste, schmerzende Objekt-Konstruktionen: taz-Autorin Wiebbke Porombka hat hier ein lehrreiches Text-Beispiel abgeliefert, wie es gar nicht geht.

Trägheit und Hochmut: Print gleich Online

„Handzahme Texte“ – eine Feuilleton-Überschrift hat im Internet nichts zu suchen. Gerade Tageszeitungen sollten bei Ihrem Online-Auftritt auf Klarheit statt Schöngeistigkeit setzen. Eine kurze Schlussredaktion, und man hätte der Trägheit und anderen Todsünden abgeschworen.

Beliebtes Gegenargument der Trägen: Der Text ist doch nur für ein spezielles und hochgebildetes Publikum gedacht. Aber das können wir leider nicht gelten lassen. Selbst wenn sich ein Leser beispielsweise bei google news zum Thema interessiert; bei der Suchanfrage „Bachmann Literaturpreis“ wird der Artikel der taz gar nicht aufgeführt.

Eine Zwischenüberschrift, vielleicht auch zwei oder drei hätten den am Anfang verwirrten Leser vielleicht noch in die für ihn interessanten Text-Regionen transportiert. Wir werden es nie erfahren.

Wollust: Schwelgen mit dem Objekt

Der erste Satz entscheidet, ob ein Leser bleibt, oder per Mausklick verschwindet. „Dass Literatur Sprache in einem unwahrscheinlichem Zustand sei, so hat es der Philosoph Max Bense einmal gesagt.“ Das war ja wohl nichts.

Abgesehen davon, dass hier inhaltlich ein beliebiger Einstieg gewählt wurde, muss man die Objekt-Konstruktion mit dem renitenten „so“ in der Mitte mindestens zweimal lesen. Besser wäre das direkte Zitat Benses gewesen.

Völlerei: 20 Wörter sind nicht genug

Das Lesen im Internet ist anstrengend genug. Warum also den Leser mit Sätzen quälen, die jenseits der Verständnis-Grenze liegen. Schreib-Papst Wolf Schneider beziffert mit 20 die Wortzahl, die man maximal in einem Satz bringen sollte.

85 Wörter in einem Satz sind der Rekord von Autorin Porombka. Statistiker könnten das Ergebnis vielleicht noch schön reden: Die Wort-Zahl hätte schließlich auch für vier unverständliche Sätze gereicht. Da können wir mit diesem ja noch schön zufrieden sein:

Im Fall von Philipp Weiss etwa, der eine wunderschön sprachspielerische und absurd witzige Geschichte über einen Autor las, dessen Schreibkrise sich in einem Gefecht der Hände äußert (die eine streicht durch, was die andere gerade geschrieben hat) und an Robert Walsers oder Robert Musils ornamentale Negationen des Wirklich- und Wahrhaftigkeit erzeugenden Schreibens anknüpfte, witterte mancher nicht nur kalkulierten Humbug, sondern eine Persiflage auf das Klagenfurter Wettlesen selbst – die Autorfigur ist, es kann auch Zufall sein, mit seinen 33 Jahren genauso alt wie der Bachmannpreis.

Habgier: Alles auf einmal sagen

Dumpfe Nebenwirkung der schreiberischen Selbstverliebtheit: Kommt man nicht auf den Punkt, ist auch die Pointe weg. Wer sich zwischen Kommata hin und her windet, verwischt die Aussage.

Zur Veranschaulichung ein Vergleich:
Mir geht es gut.
Mir geht es, angesichts der allgemeinen Lage, gut.
Mir geht es, bedenkt man die wirtschaftliche Lage und vielleicht auch die Situation, die durch die wachsende Konkurrenz entsteht, gut.

Der geneigte Leser hat spätestens beim dritten Beispiel eher den Eindruck, dass es unserem Sprecher gar nicht mehr gut geht.

Zorn und Neid: Wer nicht mitreden darf, sollte schweigen

Im folgenden Satz kritisiert die Autorin einen Juror des Literaturpreises, so viel Lese-Hilfe vorab.

Jurorin Meike Fessmann etwa konnte sich deshalb nicht recht für den den Text “Bis dass der Tod” von Jens Petersen erwärmen, weil er ihr zu beklemmend und klaustrophobisch war. Das ist schon ein etwas eigenartiges Argument, zieht es doch den Umkehrschluss nach sich, dass gute Literatur sich dadurch auszeichne, angenehme Atmosphäre zu evozieren.

Die Blöße hätte sich die Autorin nicht geben müssen. Gleich ahnt der ausdauernde Leser ein Literatur-Studium ohne anschließende Bestseller-Karriere, mehrere stagnierende Roman-Entwürfe in der Schublade und auch einen neidischen Blick auf die vermeintlich unqualifizierten Kollegen aus der Jury.

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