Bericht von der Wikimedia-Versammlung

Wikipedia-Land im Urzustand

Am Freitag 6 November 2009 von Thomas

90 Prozent des Gelöschten ist Quatsch: Pavel Richter (links im Bild), GF von Wikimedia

90 Prozent des Gelöschten ist Quatsch: Pavel Richter (links im Bild), GF von Wikimedia

Der Eine sprach von der „Krise der Schwarm-Intelligenz“, ein Anderer fragte „welche Krise?“ während ein Dritter über die „Linie zwischen Unsinn und wertvoll“ reden wollte: Wikimedia, Herausgeber der deutschen Version der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, hatte ganz leise zur Podiumsdiskussion über Relevanz gerufen. Textberater.com war da und erzählt eine Geschichte von Herrschaft und Freiheit.

Die Räume des Wikimedia e.V. waren voll. Das heißt, irgendwas zwischen 50 und 70 Gäste besuchten die Veranstaltung zum Thema „Relevanz in der Diskussion“. Es sollte um die Hoheit über Inhalte gehen.

In letzter Zeit war Wikipedia ins Gespräch geraten, weil in der auf Mitmach-Schreiber angewiesenen Enzyklopädie immer wieder Artikel gelöscht worden waren.

Wie kommt sowas: Es darf zwar jeder schreiben. Aber es gibt einen harten Kern von Autoren, die sich neue Einträge vor der Veröffentlichung anschauen und entscheiden, was wertvoll ist und was nicht.

Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Diese Praxis stieß auch während der Veranstaltung auf Kritik. Nach dem Motto „Wer kontrolliert die Kontrolleure“ meldete sich beispielsweise ein Mann im Fleece-Pulli zu Wort: „Es gibt keinen, der die Einhaltung der Relevanz-Kriterien prüft, wenn ein Artikel gelöscht wird.“

Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter versuchte zu schlichten: „90 Prozent dessen was gelöscht wird ist Unsinn.“ Doch sein Vorstoß, die Linie zwischen Unsinn und wertvoll zu definieren, verlief sich in der Diskussion.

Grund für das diskursive Durcheinander ist die Organisation der „freien Enzyklopädie“. Dieses Wikipedia ist im Grunde ein Kandidat für die Liste der Weltwunder.

Wie lenkt man eine Gesellschaft aus Gleichberechtigten?

Offiziell gibt es keinen der bestimmt. Alles ist kostenlos. Mitmachen kann jeder. Aber keiner wird dafür bezahlt. Und trotzdem sind die meisten der mittlerweile fast 1 Million Einträge im weitesten Sinne nützlich.

Ob die Qualität gehalten werden kann, wurde diskutiert. Ob langfristig weiterhin tausende Autoren ihre Zeit und Mühe in die freie Enzyklopädie stecken werden, konnte keiner vorhersagen. Ob es den Veranstaltern und Teilnehmern bewusst ist, dass in naher Zukunft schwere Entscheidungen anstehen, wagen wir an dieser Stelle zu bezweifeln.

Im Kern offenbarte die Podiumsdiskussion nämlich vor allem ein politisches Problem. Wie lenkt man eine Gesellschaft aus Gleichberechtigten? Wie macht man ein herrschaftsloses Gewächs beherrschbar?

Wer schlichtet Streitfälle?

Wikipedia steckt in einer Situation, die in der politischen Theorie als der Übergang vom Urzustand in eine neue Organisation beschrieben wird.

Das freie Gewimmel des Urzustands wird zwar von allen Beteiligten als irgendwie schön empfunden. Aber an einer bestimmten Stelle gerät die Gesellschaft der Freien an einen Punkt der Handlungs-Unfähigkeit.

Klassischer Weise offenbart sich so ein Punkt im Streitfall: Der eine löscht dem anderen einen Artikel. Dafür schreibt der andere Quatsch und beschwert sich darüber, dass er als Quatsch-Schreiber bezeichnet wird.

Wer soll den Streit schlichten? Der Diskurs-Fan Jürgen Habermas würde den Fall in die offene Diskussion schicken und abwarten, welches Ergebnis herbei-argumentiert wird. So ähnlich läuft das auch noch in der Wikipedia-Praxis.

Organisation heißt Herrschaft

Aber wir reden hier nicht mehr von dem einen oder anderen gelöschten Artikel. Wir reden vermutlich über hunderte Einträge jeden Tag, über deren Relevanz entschieden wird. Und diesen Arbeitsaufwand muss man erst mal organisieren.

Organisation bedeutet immer, dass Hoheitsrechte in die Hände Weniger gelegt werden, um die Vielen letztlich zu beherrschen.

Textberater.com sieht zwei Zukunfts-Szenarien, zwischen denen die Menschen im Wikipedia-Land entscheiden können.

1. Das Leben in einer Gesellschaft mit Regierung

2. Das Leben in einer Gesellschaft ohne Regierung

Im Leben mit einer Regierung hätte den Vorteil, dass man die Regierenden zum Beispiel demokratisch wählen könnte. Außerdem könnte man sich Regeln ausdenken – in der Art eines Grundgesetzes – die von den Regierenden einzuhalten sind.

Im Leben mit einer Regierung gäbe es keine Handlungs-Unfähigkeit. Die Bestimmer würden dafür sorgen, dass die Inhalte in Wikipedia auf Richtigkeit geprüft werden und im Streitfall Entscheidungen treffen.

Nachteil dieser Staatsform: So war das nicht gedacht. „Wikipedia – Die freie Enzyklopädie“. Eine Vielzahl der Mitmach-Autoren würde in so einem Fall dann doch lieber wieder im Brockhaus-Land wohnen.

Unannehmlichkeiten der Freiheit

Im zweiten Szenario, dem Leben in einer Gesellschaft ohne Regierung, muss man sich mit der einen oder anderen Unannehmlichkeit anfreunden. Es dürfte beispielsweise niemand „irrelevante“ Artikel löschen.

Es würde auch mitunter ewig dauern, bis Diskussionen über Richtigkeit von Inhalten entschieden worden wären. Kurz: Wikipedia würde Gefahr laufen, mit massenhaft inhaltlichem Bullshit in der Bedeutungslosigkeit zu enden.

So eine richtige Prognose fällt selbst Textberater.com schwer. Aber tendenziell wird Wikipedia wohl eher früher als später ein Land mit Regierung werden.

Die Basisdemokratie-Fans werden verbittert abwandern, und die Herrscher werden sich um neue Mitmach-Schreiber kümmern. Es geht eben um eine Enzyklopädie und nicht um Demokratie.

Schlagworte: , ,

8 Kommentare zu “Wikipedia-Land im Urzustand”

  1. [...] den Kommentaren zu der gestrigen Wikimedia-Veranstaltung nichts hinzuzufügen. Lest Jürgen Kosche, textberater.com, schneeschmelze (Jürgen Fenn) (”Burkhard Schröder sprach vom ‘gesunden [...]

  2. Thomas sagt:

    @Marcus: Ich hab mir den Satz mit dem “ganz leise” jetzt noch mal durchgelesen und finde ihn nach wie vor genau passend.

    Wenn es um Themen wie Relevanz und Lösch-Rechte bei Wikipedia geht und ich dann nur 50 Diskussions-Gäste in einem Büro vorfinde, dann kann die Sache nicht groß angekündigt worden sein.

    @holderbusch: THX für die informativen Links!

  3. [...] spreeblick. com, gulli.com, netzpolitik.org, textberater.com (6 Bewertungen, Durchschnitt: 3.00 out of 5)  Loading … Verfasst von Pavel am Freitag, [...]

  4. Marcus Cyron sagt:

    Wie soll man solche Berichte ernst nehmen, wenn schon ganz zu Beginn solcher Quatsch steht: ”Wikimedia, Herausgeber der deutschen Version der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, hatte ganz leise zur Podiumsdiskussion über Relevanz gerufen.”?

    Wieso darf eigentlich Jeder so tun, als könne er Pressearbeit leisten, doch klappt nicht einmal der Ansatz der Recherche? Der Satz ist eine komplette Falschaussage.

  5. [...] Ich war gestern auf der Diskusionsveranstaltung zur Relevanz in der Wikipedia. Inzwischen gibt es bereits diverse Berichte von der Veranstaltung und Meinungen über deren Ergebnisse: von Fefe der die Veranstaltung via Stream verfolgte, von Simon Columbus auf Gulli der den Text nicht weit von mir in seinen Laptop hämmerte, von Jürgen Fenn auf Schneeschmelze und von Textberater. [...]

  6. holderbusch sagt:

    Danke für den Beitrag!

    Status Quo ist längst nicht mehr der „Urzustand“: zahlreiche miteinander verwobene Strukturen, die zusammen versuchen, eine Art Organisation zu bilden, die aber immer komplizierter und undurchschaubarer wird (–> Herrschaftswissen, ja). Strukturen werden erheblich bürokratischer, und viele lassen keine Argumente, sondern nur noch die „Regeln“ gelten. Erstaunlicherweise kommt oftmals von (gefühlt) jüngeren Autoren auch das Argument „du bist kein Admin, du hast mir nichts zu sagen“.

    „Grundgesetz“: gibt es: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Grundprinzipien

    Hilfe für Einsteiger: Mentorenprogramm (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Mentorenprogramm)

    Mittel zur Streitschlichtung: Vermittlungsausschüsse, Schiedsgericht (letzteres gewählt).

    Mittel zur Meinungsbildung, wenn’s nicht im Konsens geht: Abstimmungen http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Meinungsbild

    Mittel zur Lösung von Admin-Problemen (Mißbrauch der erweiterten Rechte): http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Probleme_mit_Administratoren

    Mittel zur Qualitätssicherung: Redaktionen (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Redaktionen), Projekte (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt), „QS“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:QS), Wartungshinweise für bestimmte Probleme, Löschantrag (über den 7 Tage diskutiert wird), Schnelllöschung (bei offensichtlichem Unsinn)

    uswusf.

    Statt einer zentralistischen „Regierung“ sehe ich die Zukunft eher in einer Art „Föderalismus“, d.h. Aufteilung von Kompetenzen in verschiedene Wissensgebiete (Redaktionen als Ansatz), dabei stellt sich aber auch jetzt schon ein gewisses „Spezialistentum“ heraus, das es „der Masse“ nicht leichter macht, beizutragen.

    Wer wirklich ernsthaft mitarbeiten will, die Grundprinzipien verinnerlicht und ein wenig Geduld mitbringt, wird seine Ecke finden, Regelungswut hin oder her. Schwieriger finde ich, wie man mit Autoren umgeht, die eben nicht die Zeit aufbringen (wollen, können), sich erstmal einzuarbeiten, sondern ein oder zwei Texte zu ihrem Thema einbringen wollen. Da gibt es nicht wirklich einen Mechanismus, um das aufzufangen, im Gegenteil wird oft (manchmal zu Recht) Selbstdarstellungsabsicht oder Interssenkonflikte unterstellt.

    Ich denke, es braucht an vielen Ecken kleine Anpassungen, insbesondere auch im Umgang miteinander und der Einhaltung eines der wichtigsten Grundprinzipien: Assume Good Faith. Gehe von guten Absichten aus.

    h.