Steile These

Es muss Social-Media-Experten geben, weil es keine Social Media Experten gibt

Am Freitag 27 Mai 2011 von Thomas

Der Umgang mit dem Social Web sei so einfach, wie die Butter aus dem Kühlschrank zu holen, meint US-Marketing-Star Peter Shankman und droht: Wer sich als Social-Media-Experte bezeichne, solle ihm bloß nie eine Bewerbung schicken. Textberater.com gibt dem Mann völlig Recht, obwohl er falsch liegt.

Es geht um guten Stil – weiter nichts, so Shankman auf businessinsider.com. Ursprünglich wollte er seine Kampfansage mit „“All ‘Social Media Experts’ Need To Go Die In A Fire” überschreiben. Aber so gemein habe er dann doch nicht sein wollen.

Jedenfalls gehe es bei Kommunikation und Marketing in den sozialen Medien um das Gleiche, um das es bei Kommunikation und Marketing schon immer gegangen sei:

  • Transparenz: Wer seine Kunden belüge, werde sie verlieren.
  • Relevanz: Bevor ein Unternehmen seine Kunden mit holen Werbeversprechen und laschen Angeboten langweile, solle es lieber gar nichts kommunizieren.
  • Guter Stil: „You know what the majority of people calling themselves social media experts can’t do, among other things? THEY CAN’T WRITE.”
  • Bereitschaft zum Dialog: Wer sich ehrlich für seine Kunden interessiert, werde mit Twitter, Facebook, Bloggen usw. keine echten Überraschungen erleben.
  • Geld-Instinkt: Wer mit Social-Media-Marketing etwas anderes versuche, als Geld zu verdienen, könne es gleich sein lassen.

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Was ist dran an der steilen These des US-Kollegen? Zunächst einmal liest sich der Beitrag gut – Punkt für guten Stil. Er richtet sich an die Kunden Shankmans, der unter anderem die NASA oder American Express beraten hat – Punkt für Relevanz und Geld-Instinkt. Shankman hat dazu einen Blogbeitrag verfasst – Punkt für Dialogbereitschaft. Und man kann davon ausgehen, dass er jede Menge Bewerbungen von Social-Media-Experten bekommt – Punkt für Transparenz.

Die Welt ruft nach Experten

Aus der Binnenperspektive also ein durchaus stimmiger Beitrag. Aber hier ein Blick über den Tellerrand: Wer war auf dem Kongress des Immobilienverbands IVD? Zwei Drittel der 140 Workshop-Besucher zum Thema Social Media Marketing bekannten, von der Materie keine Ahnung zu haben.

Und auch im Gespräch mit dem Chef eines von Deutschlands größten Web-Sytem-Häuser fiel folgender Satz: „Ich rate immer mehr Kunden ab, sich eine teure Webseite anzuschaffen. Weil alles, was sie brauchen, können sie auch auf Facebook abbilden.“ Vielleicht kann sich der geneigte Leser denken, dass die Kunden dennoch lieber fünfstellige Beträge in die Firmenhomepage stecken, als einfach eine Fanpage zu basteln.

Im Kern geht’s also PR- und Marketing-seitig darum, den Kunden die Angst zu nehmen. Und das hat zu tun mit Vertrauen. Und wem vertraut der Deutsche (und scheinbar auch der Amerikaner) am liebsten? Dem Experten.

Hier also die Entschuldigung für alle, die sich als Social-Media-Experten ausgeben: Ohne einen kleinen Schwindel, hätte die Wahrheit keine Chance.

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3 Kommentare zu “Es muss Social-Media-Experten geben, weil es keine Social Media Experten gibt”

  1. Mpunkt sagt:

    Ich denke, das Problem liegt vor allen Dingen darin, dass sich die falschen Leute den Titel “Experte” geben. Und dass auf falsche Prioritäten gesetzt wird. Was sagen denn 5.000 Follower auf Twitter aus, wenn sich diese 5.000 Follower aus Bots, Sammlern und gleichgesinnten, uninteressierten “Experten” zusammensetzen?
    Ich halte es immer noch für extrem wichtig, dass Unternehmen authentisch und “menschlich” auf den diversen Social Media Plattformen agieren. Mit echtem Interesse für die Fans, Friends, Follower, etc. Habe zu diesem Thema gestern Abend noch etwas gebloggt. Vielleicht ein wenig persönlicher, aber thematisch in die gleiche Richtung gehend: http://bewerbung2011.wordpress.com/2011/06/08/gute-grunde-fur-twitter/

  2. Gaby Feile sagt:

    Ich stimme Peter Shankman zu, auch wenn man es anders ausdrücken könnte. Social Media ist m.E. keine neue Kommunikations-Art. Es sind nur neue Instrumente. Witziger Weise habe ich zeitgleich einen Artikel verfasst, der zum Ergebnis kommt, das hier in der Überschrift steht: Wir sind alle irgendwie Social Media Experten.

    Wen es interessiert, kann hier nachlesen (Englisch): http://www.gabyfeile.com/2011/04/21/why-you-probably-are-a-social-media-expert/

    Viel Spaß beim “sozial kommunizieren”.

    Gaby Feile

  3. Sabine Ingwersen sagt:

    Steile These, interessante Analyse! Shankman, der PR- und Marketing-Experte, hätte vielleicht noch hinzufügen sollen, dass Social Media-Experten vor allem Gefahr laufen, mit ihren Ratschlägen die Aktualität über die sozialen Medien zu verlieren – bei der Dynamik die da drin steckt. So manches Buch der Experten übers Thema, so manche PPT-Präsentation vor Kunden sind wahrscheinlich nur noch ein Schämer, sofern älter als ein paar Monate. Das aber könnte Kunden Angst machen.