PR-Negativpreis für Atomlobby

Nachtreten kommt immer zu spät

Am Samstag 2 Juli 2011 von Thomas

"Fällt euch nix Besseres ein?": Sillmann sagt's

Die Atomlobby hat den PR-Negativpreis „Verschlossene Auster“ vom Netzwerk Recherche verliehen bekommen – mindestens ein Jahr zu spät. Ein altes Vorurteil bestätigt sich: In der Journaille schwimmen die einzelnen Berufsvertreter viel zu sehr mit dem Strom. Der Chef kommentiert selbst.

Es hätte nichts geschadet, wenn vor Fukushima auch schon mal ein bisschen Wind gemacht worden wäre für die erneuerbaren Energien. Aber, allen voran die böse Solarkraft mit ihrem unstillbarem Hunger nach Fördergeldern, war ja allen Schlauschreibern zu teuer. Wind verschandelte ja am Ende doch nur die Landschaft. Und Biomasse – ja von Biomasse profitierten ja doch nur die eh schon mit EU-Geldern sattgeworfenen Bauern.

Und dann das: Juli 2011, „Verschlossene Auster“ für die Atomlobby. GROßARTIG!!! Man lacht sich vor allem dann tot, wenn der eine oder andere Kunde im Bereich Erneuerbare tätig ist und die Geschichten, die man als PR-Berater in den Medien anbot trotz ihrer Erzählwürdigkeit nicht erzählt wurden.

Erzählt werden jetzt – allen voran auf Sueddeutsche.de – vierseitige Möchtegernreportagen, wie die Laufzeitverlängerung damals hinter verschlossenen Türen ob erwarteter Steuermehreinnahmen und Scheckbuchpolitik unterzeichnet wurde. Da erinnert man sich unwillkürlich an Tage, an denen echte Reportagen in der Lokalredaktion von Hintertupfingen abgelehnt wurden mit Begründungen in Frageform wie: „Und was hat das mit Hintertupfingen zu tun?“

Lächerliche Siegerjustiz von Medien, die komischerweise schon wieder auf der Siegerseite stehen. Schön brav die Anzeigen der Energieriesen drucken, schwachsinnige Berechnungen über jährlich zweistellige Mehrbelastungen auf der uns allen heiligen Stromrechnung anstellen, und immer ganz genau bei Spiegel Online abschreiben, wo irgendein gelernter Kulturwissenschaftler Hetzreden über Photovoltaik absondert – Sorry, aber kein Sorry.

Also noch mal: Der Zug ist abgefahren, da man den Sieg über die Besatzungsmächte ausrufen musste. Davon hat nämlich jeder schon Wind bekommen.

Interessant wird’s jetzt an diesen Stellen – und da lohnen sich Reportagen:

  • Warum verlängern die Stadtwerke die Konzessionsverträge mit den Energieriesen zum Betrieb der Stromnetze nicht?
  • Warum ist Desertec totaler Schwachsinn?
  • Brauchen wir wirklich 4.000 Kilometer neue Stromtrassen, nur damit Offshore-Strom nach Bayern kommt?
  • Wieso sehen die Änderungen am Gesetz zur Förderung der erneuerbaren Energien (EEG) alle so aus, als würden wieder – immerhin andere – Konzerne davon profitieren?
  • Was ist eigentlich dran an dem ganzen Speicher-Quatsch, den man scheinbar neu bauen muss statt die Infrastruktur zu nutzen (Wasserkraftwerke, Gasleitungen) die da ist?
  • Wie billig ist Kohlestrom wirklich?
  • Warum hat die Bundesnetzagentur für Pfingsten eigentlich den Blackout angekündigt, der nie kam?
  • Wie erwähnenswert sind Studienergebnisse des RWI zum Thema Energie?
  • Was kann man machen, um klar zu stellen, dass der Atomausstieg keine Erfingung der CDU ist? Und warum gab es schon immer eine so deutliche Diskrepanz zum Thema erneuerbare Energien zwischen der CDU auf Bundes- und auf Lokal-Ebene?

Vielleicht fällt dem einen oder anderen Redakteur ja noch eine Geschichte ein, die mit den Punkten nichts zu tun hat und dennoch interessant ist. Das ist jedenfalls das Mindeste, was ich erwarte.

Thomas Sillmann, Chefredakteur des Herzblutmagazins Textberater.com

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13 Kommentare zu “Nachtreten kommt immer zu spät”

  1. Grünschnabel sagt:

    Tja, wenn ich so den Siegel lese drängt sich mir der Verdacht auf, dass die einige “Artikel” von den Interessengruppen vorgeschrieben und nur unwesentlich verändert abgedruckt werden.
    Journalismus ist etwas anderes-aber die Auflagen sind wohl über den Verkauf nicht kostendeckend.
    Dann bin ich mit der Bild besser bedient, da weiss ich was kommt…

  2. K. Hase sagt:

    Wie wäre es mit freier Energie im Sinne Nikola Tesla?
    Seit über 120 Jahre bekannt, aber hier wird die Kohle wieder als nonplusultra gefeiert.
    Oder die Bilderberger die im Mainstream ein Schattendasein frönen, weil Springer, Bertelsmann, Zeit etc. mit dabei sind,
    aber wohl im geheimen planen was so läuft.
    Das Geheimnis der FED, EZB, IWF und WHO. Themen wo einem über wird sind ausreichend vorhanden.

  3. Klimaschutz sagt:

    Der Autor des Beitrags scheint vom Solarvirus infiziert zu sein. Völlig einseitig spricht er im Stil der PR-Kampagnen der Solarlobby. Natürlich – seine Themenvorschläge sind berechtigt. Doch wie wäre es mit diesen:
    - Warum setzt kein Land der Welt auf den großflächigen Einsatz von Solarstrom, warum kommt die Hälfte der Module ins schattige Deutschland? Ist das sinnvoll?
    - Warum ist die FDP so sehr für die Solarsubventionen, aber so wenig für sonstige Klimaschutzmaßnahmen wie Energiesparen, weniger Spritverbrauch, Wind onshore? Hat das mit den hohen Parteispenden der Solarlobby an die FDP zu tun?
    - Zählt beim Klimaschutz in Deutschland eigentlich Effizienz oder die Höhe der Parteispenden? Wie ist es sonst erklärlich, dass pro Jahr nur 1 Milliarde Euro Subventionen für Gebäudesanierung, aber 7 Milliarden Euro für Solarstrom fließen? Obwohl jeder in die Gebäudesanierung investierte Euro ein Vielfaches an Klimaschutz bewirkt.
    - Warum profitiert vom EEG am meisten die chinesische Solarbranche – viel mehr als die deutsche Windkraftbranche? Denn große Konzerne profitieren vom deutschen EEG nur wenig – mit Ausnahme der Solarkonzerne. Rechnen Sie einmal nach: wie viel Einspeisevergütung wird z.B. vom Jahr 2000 bis 2020 insgesamt geflossen sein: für die Solarbranche und für die Offshore-Branche? Sie werden merken: für die Solarbranche ist es ein Vielfaches, obwohl Solarstrom viel unsteter fließt und im Winter (wenn der Stromverbrauch in Deutschland am höchsten ist) nahezu komplett ausfällt.
    Auch interessant: warum gibt es in anderen Ländern Sozialtarife beim Strom, in Deutschland sorgt die FDP allerdings dafür, dass Großkonzerne von der EEG-Umlage befreit werden, sozial Schwache aber nicht. Und warum machen die Grünen das einfach so mit? Sozial schwache darf man belasten – aber bitte nur für die Solarrenditen der Villenbesitzer in Süddeutschland, nicht für andere Sachen (ach, da wohnen auch viele Grünen in solchen Villen, das ist ja interessant). Wir sind uns glaube ich einig: Kohle und Atom sind Müll. Es braucht Alternativen. Die Frage ist nur: warum fließt ausgerechnet fast das ganze Geld in die teuerste Art der Ökostromerzeugung? Warum werden Solarmodule nicht vordringlich in sonnigen Ländern installiert? Warum verkauft China den Großteil seiner Solarmodule nach Deutschland und nimmt selbst jede Woche ein neues Kohlekraftwerk in Betrieb? Lieber Herr Sillmann, es wäre interessant genauer hinzuschauen, warum auf einmal von den wesentlichen deutschen Politikern so sehr auf Solarstrom und so wenig auf andere Klimaschutzmaßnahmen gesetzt wird. Dies verlangt echte Recherche – und nicht einfach irgendwelche Lobbyargumente der Solarbranche zu übernehmen. Pardon, doch so liest sich Ihr Text.

  4. Thomas sagt:

    @Martin: Desertec finde ich tatsächlich völlig am Ziel vorbei konzipiert. Da soll ob der “optimalen” Anzahl Sonnenstunden lieber Hochspannungsleitungen von Afrika nach Hamburg gezogen werden, statt die Idee der Energiewende weiter voranzutreiben. Die Idee ist nämlich richtig: Mach den Strom da, wo er gebraucht wird.

    Ansonsten: Abhängigkeit von Importen und Wertschöpfung im Ausland. Wer schon mal in einem richtig heißen Land war, kann sich zudem vielleicht vergegenwärtigen, dass Photovoltaik dort kaum zum Einsatz kommt. Warum: Ist zu heiß. Wirkungsgrad fällt ab. Lebensdauer leidet. Und in der Wüste käme hinzu, dass man die Dinger ständig reinigen und warten müsste.

    Desertec fände ich dann gut, wenn die den Strom dort billig an Ort und Stelle anbieten wollten… Wollen sie aber nicht.

  5. Martin sagt:

    Warum ist Desertec totaler Schwachsinn?

  6. T.Weinhardt sagt:

    Endlich! Und eine nicht obrigkeitshörige Berichterstattung ist auch bei anderen Themen notwendig:
    Was haben die Politiker aus Europa gemacht?
    Transferunion, EZB Skandal, Eurorettung, Griechenland, Alternativlos.
    Die ausufernde und aufgeblähte Bürokratie in Deutschland und in Europa.
    16 Ministerien die sich in Dt. um den Verkehr kümmern….
    Immer mehr unnütze Aufblähung der Verwaltungen.
    Und in Afrika sterben immer noch Kinder – wenn das nicht obszön ist!

  7. Guten Morgen,

    Sillman weist auf ein allgemein bekanntes Problem hin, nämlich das unseren Medien zu oft das eigene Profil fehlt. Sie rennen dem Mainstream hinterher, fallen um und ändern so mal schnell das eigene Weltbild. Nicht Apple’s IPad rettet die Verlagshäuser sondern guter Journalismus.

  8. manu sagt:

    Welt == BILD (nur weiter rechts)
    Die Süddeutsche schreibt quer Beet ab, erscheint deshalb zunächst unscharf. Bleibt aber, was sie ist.
    Ich empfehle: “Douglas Rushkoff – Life inc.”, da fällt man aus allen Wolken, dass man doch nicht verrückt ist. Ausserdem baue ich mir meinen Strom selbst an, wenn es auch nicht für den kompletten Eigenbedarf reicht, so wenigstens für den Seelenfrieden.

    Vielleicht hilft uns ja dieser rechtsfreie, zensur- und cyberpolizeibedürftige Raum, damit Gedanke wie Ihre in der morgendlichen Newsauswahl anstatt der o.g. Mülltüten erscheinen. Bei mir klappts!

  9. Becker sagt:

    Ein Vergleich zwischen euch und eueren Vorfahren, die an der Eisenbahnstrecke Nürnberg-Fürth angstvoll auf den mit 10 Stundenkilometer vorbei rasenden Zug schauten, ist durchaus zutreffend. Die Angst der Technikfeinde war berechtigt. Viele Menschen sind inzwischen bei Zugunglücken gestorben! Euch geht es aber in Wirklichkeit um die Wiederbelebung der marxistischen Lehre als Staatsgrundlage. Dazu ist euch jede demagogische Argumentation willkommen. Dem Staat und den kapitalistischen Erzfeinden muß durch Energieentzug die Macht genommen werden. Schon die Wiedervereinigung war euch, entsprechend euerer Weltanschauung, ein Dorn im Auge. Die Presse soll euere politschen Ansichten im Volk ohne Widerspruch verbreiten. Ihr habt das Verhalten von Berufsrevolutionären an deren Weltanschauung und Wesen die Welt genesen soll. Technischer,wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Unverstand sind euere Wesensmerkmale. Mit Sicherheit endet ihr dort, wo die Führungskräfte des sozialistischen Lagers gelandet sind. Euch ist ein Platz auf dem Misthaufen der Geschichte sicher! Wer glaubt, die Kernkraft bei der Entwicklung der Menschheit ausschließen zu können, ist ein politischer Phantast!

  10. Thomas sagt:

    @Wolfgang: Den Welt-Artikel hab ich gelesen und auch nur mit dem Kopf geschüttelt. Dass er nicht in der Bild-Zeitung war, wunderte mich erst. Aber die Massenpublikumsseite der Springer-Presse zeigte sich schon bei dem Thema immer erstaunlich journalistisch – muss man sagen. Ansonsten kann der geneigte Leser davon ausgehen, dass ich die Nachrichtenlage seit fast zwei Jahren detailliert zum Thema verfolge und hier nicht übertreibe.

    Die Geschichte von dem Medienwissenschafts-Professor, den ich seinerzeit (vor Fukushima) mal interviewen wollte mit der Kernfrage, warum alle Medien das Gleiche zum Thema erneuerbare Energien schreiben, hab ich vorhin gar nicht erzählt. Dessen Reaktion: “Das ist mir zu heiß.”

  11. Wolfgang sagt:

    In der Welt bestätigt sich genau das, was Sie hier schreiben von Neuem. “Der große Schwindel mit der Solarenergie” Ein 10-Punkte-Postulat von Daniel Wetzel, 26.06.2011. Es wird geradezu von einer Solarmafia gesprochen, die die Lobby-Arbeit von allen Energiekonzernen in den Schatten stellt. Wie solche Texte überhaupt in große Tageszeitungen kommen? Richtig geraten. Die INSM und die Atomlobby machen es möglich. Mein Gott, mein Onkel war da mal einer Chef mit Wikipedia-Titel Atom-St…. Na ja, jetzt hütet er seine Schafzucht. Was jetzt vorbereitet wird ist doch ganz einfach: Die Atomkonzerne haben zu hoch gepokert und als die letzte Karte aufgedeckt wurde, war dies die Fukushima 7 und nicht das Herzass. Oje, jetzt müssen wir aber schnellstens die vielen privaten Stromerzeuger ausstechen.
    Das geht aber nur mit Großprojekten. Mit gewaltigen Offshore-Parks und Wüstenfarmen, die die Kleinen nicht finanzieren können. Also müssen jetzt die Bezahlten ran.
    Von diesen Artikeln werden wir jetzt eine ganze Menge zu sehen bekommen. Mal sehen wie das sich entwickelt.

  12. Thomas sagt:

    Danke, M. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich noch die Ratschlag-Kurve bekomme. Aber so ist er eben, der Textberater.

  13. Markus sagt:

    Sille, große Kunst: Hinten raus auch noch konstruktiv werden. Respekt!